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Malteser Krankenhaus zur Heiligen Familie in Bethlehem

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Das 50.000 Baby ist zur Welt gekommen!

19. Oktober 2010
Köln/Bethlehem. Im Malteser „Krankenhaus zur Heiligen Familie" in Bethlehem ist gestern das 50.000 Baby zur Welt gekommen. Die Mutter der kleinen Aisha ist die 19-jährige Hafsah Omar Radaydiah aus der Westbank. Knapp 500 Meter vom Geburtsort Jesu entfernt, sagte die strahlende Mutter kurz nach der Geburt: „Ich habe so darauf gewartet, mein erstes Kind in die Arme zu nehmen. Wenn ich sie ansehe, vergesse ich alle Schmerzen und bin einfach nur glücklich.“ 

Die kleine Aisha wiegt 3.400 Gramm und ist 50 Zentimeter groß. Das sind stattliche Maße im Vergleich zur - für die krisengebeutelte Region üblichen - hohen Anzahl an Frühgeburten, die das Krankenhaus auf seiner dafür spezialisierten Intensivstation betreut. Dort geht die auf internationale Unterstützung angewiesene Arbeit auf Hochtouren weiter. Denn jedes einzelne Leben ist den Mitarbeitern im Hause so wichtig wie das Erste vor mehr als 20 Jahren.

Radaydiah, die im ersten Studienjahr an der Al-Quds-Universität in Ost-Jerusalem studiert, und ihr Mann Isam, ein 24 Jahre alter Arbeiter, freuten sich über die vom Generaldirektor der Klinik, Dr. Jacques Keutgen, überreichten Blumen. 

1990 hatte der Malteserorden die Geburtshilfe im „Krankenhaus zur Heiligen Familie“ wieder eröffnet. Das Haus war stets und ist bis heute für alle offen, ohne Unterschied der Rasse, des religiösen Bekenntnisses oder der wirtschaftlichen Situation.

„Wegen des Mangels an Fachärzten und ausgebildetem Pflegepersonal in den Palästinensergebieten ist unser Geburtshilfeteam in hohem Maße belastet“, erklärt Keutgen. „Alle Problemfälle, nicht nur aus Bethlehem, sondern auch aus Hebron und Ramallah kommen zu uns. Für uns bedeutet das nicht nur eine hohe medizinische, sondern auch eine hohe finanzielle Belastung“.


Ein Reisebericht von Sophie Henckel von Donnersmarck

Schwester Therese hält Rafif, ein zwei Wochen altes Mädchen, fest und routiniert in ihrem Arm. Der kleine Mensch wiegt knapp anderthalb Kilo, Schläuche winden sich um seinen fast nackten, zerbrechlichen Körper. Rafif liegt seit 40 Tagen in einem abgeschiedenen Raum der Intensivstation, da sie der allgemeine Geräuschpegel um die übrigen 17 Bettchen der Einheit krampfen lässt.

Sie ist in der 38. Schwangerschaftswoche durch Kaiserschnitt zur Welt gekommen und hat seit ihrer Geburt trotz künstlicher Ernährung kaum zugenommen. Sie ist krank, das sieht man sofort. Haltung und Bau des kleinen Körpers, erklärt Therese, Oberschwester der neonatologischen Abteilung des Malteser Krankenhauses zur Heiligen Familie in Bethlehem, deuteten auf eine körperliche und auch geistige Behinderung hin. Wahrscheinlich Trisomie 21 bzw. Down-Syndrom, man warte aber noch auf die Ergebnisse einer Chromosomenanalyse zur Absicherung der Vermutung. Auch das Herz sei nicht in Ordnung; die Ärzte gingen von einer Herzgefäßerkrankung aus, die nur durch Intervention verschlossen werden könne. Das Krankenhaus übernehme die Kosten, da Rafifs Eltern den Eingriff nicht bezahlen könnten. Nach eingehenden Abklärungen und in enger Abstimmung mit dem Fachpersonal der Intensivstation habe die Spitaldirektion so entschieden. Das sei hier der Alltag.

"Social Cases" betreut Mary
Finanzielle Entscheide dieser Art werden von Mary vorbereitet. Seit neun Jahren arbeitet die diplomierte Sozialarbeiterin und Psychologin für die Malteser in Bethlehem. Von den insgesamt 4123 Aufnahmen im Spital im Jahr 2009 waren 662 Fälle, also 16 Prozent sog. social cases, die von Mary betreut wurden. Sie hätte schon immer hier arbeiten wollen, sagt die palästinensische Christin, wenn der Job auch manchmal sehr stressig sei. Immer mehr Frauen suchten ihre Hilfe, nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern weil sie psychisch und emotional nicht mehr mit ihren Lebensumständen zu Recht kämen.

Rafifs Mutter Aysheh sitzt im Besprechungszimmer der Sozialarbeiterin. Musalam, der Vater, ist heute ebenfalls mitgekommen. Beiden sieht man ihren Kummer an. Aysheh huscht ein unsicheres Lächeln über die Lippen als Mary auf Arabisch erklärt, ihrem Kind gehe es gut. Schwester Therese habe den Zustand heute Vormittag bei der allmorgendlichen Besprechung bestätigt. Dann versucht sie während der einstündigen „counselling session“ mit den Eltern daran weiterzuarbeiten, die schwierige Situation anzunehmen. „Awareness raising“ - das ist Marys Mission. Denn sie beobachte, dass immer mehr Menschen die Realität nicht mehr so annehmen könnten wie sie sei. Ihre schwierigen sozio-ökonomischen Verhältnisse und die allgemein bedrückende Lage in Bethlehem schürten Verzweiflung und Resignation.

Derselbe Standard wir Unikliniken in Europa
Aber Mary hat recht, den Eltern von Rafif Mut zu machen. Die Intensivstation des Geburtskrankenhauses bietet denselben Standard wie die Universitätskliniken in Europa und weist eine ebenso niedrige Sterblichkeitsrate auf. Bei rund 3.000 Geburten pro Jahr bzw. bald 50.000 Geburten seit der Inbetriebnahme durch die Malteser im Jahre 1990 ist das ein einzigartiger Erfolg. „Wir schulden den Ärmsten das Beste“ formuliert Dr. Jacques Keutgen den Leistungsanspruch der einzigen Malteser Einrichtung im Heiligen Land. Der Belgier ist leitender Arzt der Klinik und seit sieben Jahren ehrenamtlich in Bethlehem tätig. Er führt heute 140 qualifizierte einheimische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Die Geschichte des Krankenhauses begann, als im Jahr 1882 der französische Schwesternorden „Compagnie des filles de la Charité“ ein Stück Land in Bethlehem kaufte und zwei Jahre später den Grundstein für ein allgemeines Krankenhaus mit 85 Betten legte. Mit der Zeit entwickelte es sich zu einem gut besuchten Krankenhaus, das die Bevölkerung Bethlehems hundert Jahre lang medizinisch versorgte - bis es 1985 aufgrund der politischen und sozialen Probleme im Nahost-Konflikt geschlossen werden musste. Diese Schließung war eine Katastrophe, speziell für die Mütter, die bei der Entbindung auf das Krankenhaus angewiesen waren.

Das Entbindungszentrum für Bethlehem
Aufgrund der Notlage setzte der Malteserorden gemäß seiner Tradition „Bezeugung des Glaubens und Hilfe den Bedürftigen“ das Krankenhaus wieder in Stand. Am 26. Februar 1990 wurde das erste Baby in der neuen Entbindungsstation geboren. „Seit diesem Meilenstein hat sich das Krankenhaus zu einem Entbindungszentrum für Bethlehem und darüber hinaus entwickelt“, erklärt Dr. Keutgen. „Wir sind die einzige Anlaufstelle im ganzen Westjordanland für alle Frühgeburten ab der 25. Schwangerschaftswoche, die eine Intensivpflege benötigen. Der Andrang sprengt das vorgesehene jährliche Budget. Einzig durch Spenden aus dem Ausland können wir das finanzieren“, spricht Dr. Jack, so sein Spitzname im Spital, offen aus. Die palästinensischen Autonomiegebiete haben kein funktionierendes Gesundheitssystem, weshalb die Menschen häufig selbst für ihre Behandlungen aufkommen müssen, insbesondere wenn Intensivpflege notwendig ist. Das kann in einem Fall wie bei Rafif sehr teuer werden. Ein Tag allein kostet 350 USD.

Außerdem gibt es viele schwangere Frauen, die nicht in der Lage sind, nach Bethlehem zum Krankenhaus zu kommen. Als diese Not bekannt wurde, richtete man daher Außenstationen ein. Diese Stationen in den umliegenden Dörfern sind regelmäßig vom Klinikteam für Sprechstunden sowie Kursen zur Geburtsvorbereitung und Säuglingspflege besetzt. Für Menschen in den ländlichen Regionen um Bethlehem herum ist das Outreach-Programm der Malteser oft die einzige Möglichkeit, eine angemessene medizinische Versorgung zu erhalten. Dies gilt insbesondere für die vor Ort lebenden Beduinen in der Judäischen Wüste. Seit 2005 werden sie daher vom Krankenhaus zur Heiligen Familie betreut. Mindestens einmal in der Woche suchen ein Arzt und eine Hebamme mit der "mobilen Klinik", bestehend aus einem Van mit medizinischem Geräten und einem Stromgenerator, die Camps in der Wüste auf.

Die Menschen leiden an Unfreiheit
In unserem Einzugsgebiet leide man keinen Hunger, sagt Dr. Keutgen, in Bethlehem und generell in den palästinensischen Gebieten leide man an Unfreiheit. Die Menschen hier hätten keine Arbeit und keine Perspektive. Es sei wie ein Gefängnis unter freiem Himmel. Der Großteil der Bevölkerung lebe ohne irgendeine Bewegungsfreiheit. Reisen seien ebenso ausgeschlossen wie Ferien. Kontakte ins Ausland habe man nur durch Besucher und andere Zeichen der Verbundenheit. „Wie ich das aushalte?“ fragt er erstaunt zurück. „Diese Frage stellt sich mir so nicht. Der souveräne Malteserorden, dessen Mitglied ich bin, hatte Schwierigkeiten, einen Generaldirektor zu finden, der in einem schwierigen politischen Umfeld das Geburtskrankenhaus leiten sollte. Vier Jahre lang war diese Stelle vakant. Als ich dies hörte, habe ich einen inneren Aufruf gespürt und meine Tätigkeit als Leiter einer Kinderabteilung an einem belgischen Krankenhaus aufgegeben.“ Es sei keine leichte Entscheidung gewesen, aber seine Frau und die drei erwachsenen Kinder hätten sie mitgetragen. Sie alle hätten gespürt, dass es trotz Trennung und vieler anderer Unannehmlichkeiten für den Kinderarzt wichtig war, diesem Aufruf für eine begrenzte Zeit zu folgen. Aus den vorgesehenen sechs Monaten sind nun schon sieben Jahre geworden.

Ebenso klar offenbart Dr. Keutgen auch, was ihm an seiner Arbeit im Malteser Krankenhaus gefalle, das nur 800 Meter vom Geburtsort Jesu entfernt liegt. „Es ist sehr abwechslungsreich und erfordert ein großes Anpassungsvermögen. Wenn man morgens aufsteht, weiß man nie was der Tag bringen wird. Es ist eine tägliche Herausforderung auf medizinischem, persönlichem und religiösem Gebiet. Denn unsere Geburtsklinik ist ein Hafen des Friedens und der Harmonie, der Solidarität und des Zusammenlebens von Palästinensern - von Christen und Moslems. Das spendet Hoffnung und vertieft den eigenen Glauben.“

Dieses Zeugnis erinnert an die Ursprünge des Malteserordens im 11. Jahrhundert. Im Jahr 1048 erhielten Kaufleute aus der alten Seerepublik Amalfi vom Kalifen von Ägypten die Genehmigung, in Jerusalem ein Hospiz zu errichten, in dem den Pilgern ohne Unterschied des Glaubens und der Rasse Schutz und Obdach gewährt werden sollte. Diese ursprüngliche Mission, der Hospitaldienst, ist auch heute noch eine der Hauptaufgaben des Malteserordens.

Durch christliche Präsenz zum Frieden in dieser Gegend beitragen, das sei das Selbstverständnis der überwiegend christlichen Belegschaft des Krankenhauses, erklärt Dr. Keutgen. Natürlich stünden auch weitere medizinische Projekte an, beispielsweise Aufklärungsarbeit über gesundheitliche Risiken jenseits der Wechseljahre. Diese und andere gynäkologische Tabuthemen werde man auch mit Hilfe der Sozialarbeiterin Mary angehen. Oberstes Ziel des Malteser Spitals sei aber doch, allen Frauen ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der Kultur oder des sozialen Status eine hoch qualifizierte Betreuung bei der Geburt zu bieten. Weil das so sei, habe man eine Chance, sich einer großen Gefahr zu stellen, die den Menschen im Heiligen Land drohe: die Hoffnungslosigkeit. Ohne Hoffnung wachse die Radikalisierung und damit wachse Gewalt.

Davon weiß das kleine Mädchen in den Armen von Schwester Therese noch nichts. Strahlend erklärt die Krankenschwester: „Rafif ist ein sehr schöner Name und bedeutet schimmernd, glänzend“. Ein Hoffnungsschimmer für das heilige Land? Ja, so sehe sie das, gesteht die erfahrene Intensivkrankenschwester. Jedes einzelne Leben, das man hier rette, sei ein Geschenk des Himmels, ein Hoffnungsträger für Frieden, selbst wenn er nur kurze Zeit auf Erden weile.

Ein Reisebericht von Sophie Henckel von Donnersmarck (Bethlehem-Beauftragte), März 2010

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